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Schlagwort: Heitersheim

Biologische Vielfalt und Klimafarming im Weinbau

Biologische Vielfalt und Klimafarming im Weinbau

Aus der Badischen Zeitung vom 22.1.2010

von der Redakteurin Frau Sabine Model

Mit Kompost, Eidechsen, Kürbissen und Backpulver

Zwei konzentrierte Genießer bei der Weinprobe: Initiator Berthold Willi und Referent Hans-Peter Schmidt | Foto: Sabine Model

HEITERSHEIM (mod). Das Thema „Biologische Vielfalt und Klimafarming im Weinbau“ stieß bei rund 160 Winzern und Weinliebhabern auf Interesse, aber nur 100 passten in den Seminarraum der Volksbank Breisgau Süd in Heitersheim. Berthold Willi, Initiator der Erzeugergruppe „Grüner Markgräfler“ hatte wieder mal den Nerv getroffen und mit Hans-Peter Schmidt einen exzellenten Referenten engagiert. Der Leiter des Forschungsweingutes Mythopia am Delinat-Institut im Wallis hat, aus der Philosophie kommend, sein Herz für intakte Biokreisläufe entdeckt.

Fünf bis zehn Billionen „Helfer“ pflegt er in den Rebanlagen in der Schweiz für eine Flasche Wein. So viele Mikroorganismen sind nämlich nötig, um in Symbiose mit der Rebe die Ernährung und den Schutz vor Krankheiten zu sichern, behauptet Schmidt. Das zentrale Prinzip der neuen Methoden qualitätsorientierten Weinbaus basiert auf der gezielten Förderung ist die Biodiversität. Das bedeutet eine Vernetzung großer biologischer Vielfalt, damit das Gesamtsystem in ein gesundes Geichgewicht kommt.

Schmidt hat dazu mit seinem Team eine Zehn-Punkte-Charta zur unbürokratischen Umsetzung entwickelt. In Punkt eins geht es um die Aktivierung der Böden mit bioaktiver Düngung. Vor allem Kompost und Kompostextrakte spielen dabei eine große Rolle. Als zweites geht es zwischen den Rebzeilen um dauerhafte Gründüngung mit Leguminosen – Hülsenfrüchtlern – die geschlossene Stoffkreisläufe sicherstellen. Dann folgt die ganzjährige artenreiche Begrünung mit bis zu 50 Wildpflanzenarten. Das stabile Ökosystem wird auf Rang vier an den Zeilenenden unterstützt von Sträuchern, die Schmetterlinge und Insekten anziehen, Nistplätze bieten, Wurzelsymbiosen befördern und Früchte tragen, die verwertet werden können. Fünftens dienen geschlossene Heckenlinien zwischen den Rebzeilen als biologische“Hotspots zur Vernetzung der Ökologie und als Barriere für Krankheitskeime. Wenigstens ein Obstbaum pro Hektar ergänzt auf Rang sechs aus dem gleichen Grund die strukturierte Kulturfläche und liefert Bioobst das sich gut vermarkten lässt. Dienlich sind siebtens artenreiche Ausgleichszellen mit Aromakräutern an den Rändern der Rebparzellen. Unter Punkt acht empfiehlt die Charta Strukturelemente wie Stein- oder Holzhaufen sowie Nisthilfen für Insekten und Vögel. Bienen und Wespen seien natürliche Feinde des Traubenwicklers, erinnerte Schmidt. Sie gehen nicht an die Trauben, wenn sie sich aus anderen Proteinquellen hinreichend ernähren können. Die Vielfalt hole auch Eidechsen und Schlangen zurück in den Weinberg. Sogar Wildschweine sorgen für Bodendurchlüftung, erklärte er, was allerdings bei den Anwesenden ein Raunen auslöste.

Die Vielfalt der Kulturen holt Schmidt unter Punkt neun in den Weinberg mit Tomaten und Kürbissen, Himbeeren und Erdbeeren, Weinbergpfirsichen und Quitten. Auch Schafe und Hühner im Weinberg empfiehlt er. Damit lasse sich ebenfalls ein guter „Nebenverdienst“ erzielen. Bedenkt man das potenzielle Lebensalter einer Rebe von 120 Jahren, so Schmidt, sollte man Rebflächen nicht roden, sondern Weinberge regenerieren, Reben selektieren und ausgewählte Jungpflanzen auf angepasste Wurzelunterlagen aufpfropfen. Diese genetische Vielfalt steigere sowohl Qualität als auch Widerstandsfähigkeit. Beim Pflanzenschutz habe man mit Kompostextrakten gute Erfahrungen gemacht, betonte der Forschungsleiter. Schwefel werde durch Backpulver ersetzt.

Bei der Düngung mit Leguminosen konnten in Verbindung mit Aktiv-Kohle für Qualität und Quantität gute Ergebnisse erzielt werden. Voraussetzung sei, die Kohle gut in das Bodennetzwerk einzubinden. Biokohle könne aus Biomasse gewonnen werden. Entsprechende Anlagen seien im Einsatz. Damit funktioniere das so genannte Klimafarming in Energiekreisläufen, die lange unterbrochen und verkannt waren. Nur die Landwirtschaft sei in der Lage, Kohlendioxid aus der Atmosphäre dauerhaft in den Boden zu bannen, betonte Schmidt.

Dass der Wein aus den Versuchsweinbergen eine hohe Qualität hat, bewies die anschließende Weinprobe. Auch die vom Kunden akzeptierten Preise von 12 bis 16 Euro konnten hiesige Winzer nur neidvoll zur Kenntnis nehmen. Gleichwohl hielten die Produkte der Betriebe des „Grünen Markgräfler“ dem Vergleich stand. Am 7. Mai 2010 feiern die neun Erzeuger im Markgräfler Museum in Müllheim die Premiere des „Blauen Markgräfler“.

Autor: mod